So fill my cup with emptiness again and chase those blackend dreams one more time.

Saturnus, Noir


Prolog: Krähen


Sören befand sich in einer Zwischenphase seines Lebens. Die letzten Menschen, mit denen er gesprochen hatte, lagen zwanzig Minuten hinter ihm. Er fuhr auf einer einsamen Landstraße, ein dunkler Wald huschte zu beiden Seiten an ihm vorbei. Die Scheinwerfer seines Wagens wirkten wie ein Fremdkörper in dieser unendlichen Nacht unter den Tannen, wie suchend. Die Autoheizung seiner Limousine blies die Windschutzscheibe frei. Er war mit sich und seinen Gedanken allein. Kein Radio. Und er dachte: Was würde geschehen, wenn von diesem Zeitpunkt an niemand mehr von ihm hörte? Wenn er einfach verschwinden würde, in diesem zeitlosen Raum, in jener halben Stunde, in der er den Menschen den Rücken zugekehrt hatte? Es ist eine magische halbe Stunde.

Bis Montag sollte er den Reelsworth-Bericht abliefern. Doch Montag war noch weit. Jetzt war Freitag, und ein großes, leeres Wochenende lag vor ihm.


Das Büro und das wie ein Quälgeist ständig klingelnde Telefon, Menschen und Stimmen, die alle pausenlos etwas von ihm wollten. Das monotone Surren des Kopierers im Flur. Das hysterische Gerede der Kollegen. Der Leistungsdruck, den sich alle gegenseitig machten. Es war so anstrengend, wichtig zu sein. All das lag hinter ihm, inmitten der von einer Straße gezähmten Wildnis. Wohin führte der aufgesprungene Asphalt? Wohin waren die vor seinen Scheinwerfern aufblitzenden Markierungen zu beiden Seiten die Leuchtfeuer? Egal, dachte er. Ist doch egal.

Er genoss diese Stimmung. Diese vollkommene Melancholie.

Er fühlte sich jetzt absolut überlegen. Ein Gefühl, dass er schon lange nicht mehr gehabt hatte. Da, wo er herkam. Aus der Führungsetage eines großen Logistikunternehmens, das einen eigenen Fitnessraum für seine Mitarbeiter eingerichtet hatte, einen Unternehmenskindergarten und vor einigen Monaten sogar einen Zweisterne-Koch für die Kantine eingestellt hatte. Alles nur, damit sich die jungen Fachkräfte dort wohlfühlten.


Eigentlich hätte er seine Penthouse-Wohnung ansteuern können. Seine Designer-Wohnung im zehnten Stock, von der er so wunderbar, so erhaben hinter einer monströsen Fensterfront auf die Lichter der Stadt hinunterblickte, als gehörten sie ihm. Er hätte sich wohlfühlen sollen auf seinem persönlich eingerichteten Fleckchen Luxus. Die von geraden Linien und reduzierter Künstlichkeit geprägten 70 Quadratmeter Privatsphäre. Hätte sich auf das helle Ledersofa vor die kolossale Fernsehwand sinken lassen können, um mit der Fernbedienung völlige Kontrolle zu spielen.

Aber all das hatte er lieblos ausgesucht, so distanziert, wie er alles plante, was ihn umgab. Und er entschied, an diesem Abend nicht dorthin zurückzukehren, wo er nur daran erinnert wurde, was er für seine Karriere privat nicht in sein Leben ließ. Ohne, dass er es sich wirklich eingestand. Er hatte auf seinen Impuls gehört und die genau entgegengesetzte Richtung eingeschlagen, den Stadtrand. Jetzt, nachdem er exakt 22 Minuten 45 Sekunden auf dem Gaspedal gestanden hatte, hatte er endlich alles hinter sich gelassen, was ihn sein geordnetes Leben spüren ließ. Er war im Niemandsland, einem namenlosen Wald – jedenfalls solange namenlos, wie er das Navi am ausladenden Armaturenbrett ausgeschaltet ließ.

Wie gut es sich anfühlte, verschwunden zu sein. Niemand hat Macht über dich. Du bist allein. Du störst niemanden, und niemand stört dich.

Du musst nur mit dir selbst klar kommen. Das ist die Lage.

Menschen werden dich vermissen oder vergessen. Menschen, die dich liebten, oder hassten, oder dich nie wahrgenommen haben, obwohl du ihrem Gesicht hundert mal auf der Straße begegnet bist. Dein Unterbewusstsein sagt dir vielleicht: Es gibt dieses Gesicht, wie es Hunderte anderer Gesichter gibt. Doch du hast es selbst hundert Mal gesehen und niemals beachtet.

So, wie du dich selbst vielleicht nie beachtet hast.


Leute sitzen da draußen, bei denen du womöglich eine Lücke im Leben hinterlässt. Und wenn es nur wegen des Reelsworth-Berichts ist. Du bist nur ein Zahnrad im Getriebe. Wenn es stehen bleibt, wenn es klemmt, dann kann es ersetzt werden. Du bist austauschbar. Wie alle. Auch wenn dich deine kolossale Fernsehwand, deine monströse Fensterfront, das wuchtige Armaturenbrett mit den klimmenden Anzeigen und das Lenkrad mit denen vielen lustigen Knöpfen vom Gegenteil überzeugen wollen.

Aber du bist kein Fernsehstar. Niemand wird sich nach dir umsehen, wenn du endgültig weg bist. Außer ein paar Polizisten, bei denen eine Akte – deine Akte – immer tiefer unter die Berge von Papier rutscht, weil dein Nachbar, deine Familie, deine verlorene Liebe noch einmal mit dir sprechen wollte.

Zu spät. Und nur du bestimmst, wann es zu spät ist. Das ist der Trick.


Alles, was er erreicht hatte, wurde nebensächlich. Es verging wie Rauch, wie Körper zu Asche, oder – er erlaubte sich dieses leicht pathetische Bild – wie der Dunst in der Morgensonne.

Er blieb allein mit seinen Träumen und Begierden. Sie waren der Schatz, den er eifersüchtig am Ende des Regenbogens hütete und nie ganz einem Menschen anvertraut hatte. Falls doch, dann war es ein Versehen, ein nachgiebiges Bedürfnis nach Wärme und Nähe.

Aber das hatte er nie zugelassen. Er hatte seine Träume nicht vollkommen veräußert, nicht völlig verraten. Zumindest redete er sich das stolz ein. Sie waren doch seine Seele. Und es wäre schade drum.

Jetzt, in der Tannen-Nacht, die er im silbergrauen Wagen durchschnitt, dachte er: Da war oft ein Regenbogen. Denn die knotigen, schwarzen Wolken und der Regen daraus waren nie ganz versiegt. Das war ein Teil des Lebens. Sobald das Licht dazwischen hervorbrach, hast du unter den Farben gesessen, an dem Ort, wo die Himmelsbrücke die Erde berührte, hast eifersüchtig den goldenen Topf bewacht. Und niemanden daran gelassen.

Du hattest immer Angst, dass er dir genommen wird. Es war nicht leicht für andere, nur einen winzigen Blick auf deinen Schatz zu werfen. Du warst halt da, und sie nahmen es zur Kenntnis. Du bist immer da, wenn das beschissene Telefon geht und du ihnen wieder irgend ein Diagramm und eine Tabelle mit den aktuellen Geschäftszahlen schuldig bist. Deine Zahlen müssen stimmen, sonst bist du draußen.

Du warst da, unter den Farben. Doch sie haben die Farben nie gesehen. Sie wollten immer nur Zahlen.

Eine halbe Stunde, in der die Uhr rückwärts zählt, konnte alles verändern. Magie ist jenseits der Regungslosigkeit. Dein Hirn ist Napalm.

Er konnte sich nicht erinnern, wer diesen Satz gesagt hat. Aber er ging ihm so nah, dass er ihn zusammen mit seinem Gold so sehr hütete, dass er glaubte, er müsse schon immer zu seinem Schatz gehört haben.


Heute Abend hatte Sören seinen Goldschatz dabei. Er lag in seinem Handschuhfach, zum Greifen nah. Hinter einer Kurve schob sich ein schmallippiger Mond zwischen aufgefetzten Wolken hervor, gerade hell genug, um von dem Wanderparkplatzschild reflektiert zu werden. Wieder folgte er seinem Impuls. Er setzte den Blinker – eigentlich tat er das nie im Großstadtverkehr, nur Looser und Leute mit zu viel Zeit setzten Blinker, und hier gab es erst recht keinen Grund. Die Straße war leer. Er setzte den Blinker trotzdem, weil er Lust dazu hatte, ein Zeichen setzen wollte für niemanden. Sieh her, ich biege ab. Zuerst wollte er auf dem Wanderparkplatz halten, aber dann entschied er sich, weiterzufahren. Hinein in den Wald, noch von der letzten Straße weg, die ihn mit diesem urbanen Ballast verband, den er für heute Abend hinter sich gelassen hatte. Der Weg holperte mächtig unter seinen Rädern, aber die Pferdestärken schafften das locker. Kleine Steinchen flitschten gegen die Unterseite der Limousine. Manchmal wühlten sich die Räder durch Pfützen. Dann sah er die Lichtung. Und hielt an.

Er mit sich und der Mondsichel im Rücken allein auf dieser Lichtung. Das war perfekt. Er beugte sich nach vorne, öffnete das Handschuhfach und nahm behutsam seinen Goldschatz heraus. Er drückte einen der lustigen Knöpfe, und der Sitz kippte nach hinten. Er machte es sich mit seinem Schatz auf dem nach hinten gekippten Sitz bequem. Die Klimaanlage bließ des Geruch nach Herbst, nassen Nadeln, feuchter Kühler Luft und Pilzen in den Wagen.


Er nahm die Kappe von der Nadel, die silbrig im schwachen Mondlicht durch das Panoramadach aufblinkte. Der weißliche Kunststoff mit den Millimeterstrichen blieb trübe, aber die farblose Flüssigkeit darin nahm etwas von dem entrückten seltsamen Schein an. Er stellte sie senkrecht, drückte gegen die Schwerkraft auf die ergonomisch geformte Fläche. Ein einzelner Tropfen löste sich aus der Silbernadel und floss die Spritze hinab, bis sie schimmernd auf den Ledersitz troff. Es war sehr kostbar, Verschwendung – aber es musste sein. Schließlich hatte er am Montag einen Bericht abzuliefern. Und er hatte nicht vor, wegen einer winzigen Luftblase an einer Embolie zu sterben, weil er nichts von dem verstand, was er hier tat. Er war kein Versager, und erst recht kein Anfänger mehr.


Wenn sein gut bezahlter Trainee-Posten in der mittleren Führungsetage seines Arbeitgebers für irgendetwas gut war, dann, dass er sich diese 30 Milliliter reinen Glücks leisten konnte. Purer Stoff, bereit zum Konsumieren. Er hatte lange nach einer diskreten Quelle gesucht, aber das Internet erleichterte vieles, wenn man wusste, wonach man suchen musste.

Und er hatte seine Quelle schließlich in einem Nobelladen getroffen, den man wohl am wenigsten mit solchen Geschäften in Verbindung brachte. Er bezahlte bar und bekam, was er wollte. Kein lästiges Erhitzen auf einem Löffel, kein aufwendiges Set, das er irgendwo in seiner Aktentasche verstecken musste. Das hier war fix und fertig, schnell und kompakt, um es bequem und unauffällig überall zu verstauen. Er legte es neben sich auf die sündhaft teure Bluetooth-Telefonanlage, knöpfte die Ärmel an seinem rechten Arm auf und begann, ihn hochzukrempeln. Dann holte er eine Schnalle hervor, schlang sie sich um den Oberarm, und zog sie zu, während er eine Faust machte. Aber das war fast überflüssig, denn wie jedes Mal war er auch jetzt wieder etwas aufgeregt. Er fühlte den Herzschlag in seinem Hals, und die Venen zeichneten sich dick und blau in seiner Armbeuge ab, kaum dass er sie mit seinen Muskeln an die Oberfläche pumpte. Es ging alles fast wie von selbst.

Mit der Rechten ergriff er die Spritze.


Etwas flatterte da draußen, huschte kurz vor dem fahlen Licht vorbei. Er war abgelenkt, beobachtete befremdet, wie sich eine Krähe auf die Zweige einer der knorrigen Buchen setzte, die über sein Panoramadach ragten. Er hörte, wie sie ein einzelnes, heißeres Krächzen von sich gab.

Dummes Vieh“, nuschelte er, „bitte, dann sieh halt zu. Hauptsache, du verpetzt mich nicht bei meinem Chef.“ Er zeigte seine makellos weißen Zähne.

Er setzte die Nadelspitze an seine Vene. Ein zweiter Vogel, fast zu schwarz, um ihn zwischen den kahlen Zweigen auszumachen, gesellte sich zu dem ersten Beobachter. Sören schüttelte nur ungehalten den Kopf, zog ihm eine Grimasse. „Himmel, was gibt es denn da zu glotzen?“ Dann versuchte er, sich nicht weiter ablenken zu lassen. Ein leichter Druck genügte. Ein kurzer, scharfer Pikser, den er voller Vorfreude durch seine Nerven zucken ließ – und etwas Blut trieb die Nadel hoch und vermischte sich in einer feinen Wolke mit der klaren Flüssigkeit in der Ampulle. Er presste sie behutsam gegen seinen Blutdruck in seinen Arm hinein. Er fühlte, wie sie sich warm in seinen Adern verteilte. Sich in seinem inneren Tempel aufgabelte.

Eine dritte Krähe ließ sich auf einen der umstehenden Bäume nieder und krähte in die Nacht.


Das wird mir langsam zu blöd“, sagte er leise, aber seine Stimme hallte schon nach. Er merkte, wie die Wirkung der Droge langsam, aber unaufhaltsam einsetzte. Seine Reaktionen wurden langsamer, wie eine zu lang belichtete Aufnahme von Bremslichtern. „Wenn ihr mir meinen Tripp versaut“, sagte er wütend, „dann reiße ich euch jede Feder einzeln aus.“ Doch er konnte seine Wut nicht wirklich entfalten. Sie blieb in seiner umgedrehten Körperchemie stecken. Und seinem Ärger zum Trotz konnte er erst recht nicht verhindern, dass sich vier, dann fünf, schließlich noch mehr Vögel auf die Bäume setzten und ein krächzendes Publikum von Schaulustigen abgaben.

Er hätte nicht einmal mehr sagen können, ob er sich das jetzt einbildete. Es war einfach völlig absurd. Er hatte noch nie so viele Krähen an einem Ort versammelt gesehen. Es war gespenstisch, wie sie, bis auf ein huschendes Flügelschlagen hier und da, nahezu lautlos die Lichtung eroberten. Mal verschmolzen sie mit dem Gewirr aus Schatten und Zweigen, die der Mond sezierte, mal schälten sie sich im fahlen Licht heraus. Als wäre Sören in ihr verdammtes Revier eingedrungen.

Langsam wurde es unheimlich.


Seine Entspannung war gewichen, aber er konnte den Albtraumtripp, der jetzt folgen musste, nicht mehr verhindern. Geschweige denn das Auto noch von dieser Lichtung steuern. Verdammte Raben.

Etwas landete klackend auf dem Autodach und bewegte sich dann schabend über den teuren Lack. Er fuhr zusammen. „Das darf doch nicht wahr sein“, entrüstete sich Sören schwach. Während der Rausch in ihm sich zu etwas Großem und Tiefen verdichtete, seine Sinne vernebelte, bemühte er sich, den Knopf für den Autositz zu finden, um ihn wieder in eine aufrechte Position zu bringen. Er langte empört auf die Hupe. Sie echote verloren von Baumstämmen wider.

Niemand der jetzt zu einer vagen Schar angewachsenen Schwarzgefiederten ließ sich davon beeindrucken. Sie krähten nur eine nach der anderen, als unterhielten sie sich hämisch über Sörens lächerliche Versuche, sie loszuwerden.

Sören boxte dreimal gegen das Autodach. Dann fehlte ihm die Kraft. Eine zweite Krähe landete darauf, dann eine dritte.

Sie begannen, auf sein Fensterdach und dann die Windschutzscheibe einzuhaken. Er sah schwarze kleine Köpfe kopfüber im Windschutzsichtfeld erscheinen und ein groteskes, arhythmisches Stakkato auf das Glas anstimmen. Instinktiv, aber schon völlig der Droge ergeben, ließ der Insasse die Türschlösser nach unten schnappen. Er musste hier weg.

Aber es ging nicht mehr.

Das Serum hatte sich längst im Blutkreislauf verteilt und übernahm die Herrschaft.

Mehrere Vögel landeten auf der Motorhaube und glitzerten ihn mit boshafter Neugier durch die Frontscheibe an. Augen wie schwarze, funkelnde Ölperlen voller unverhohlenen Spotts. Dann hüpften die Viecher unbeholfen auf die Windschutzscheibe zu. Und unterstützten ihre Scharmitglieder auf dem Dach dabei, das Autoglas zu knacken. Als wäre es eine liegen gebliebene Walnuss.


Wäre er noch klar im Kopf gewesen, hätte er darüber nachgedacht, ob es Rabenvögeln überhaupt gelingen konnte, die Frontscheibe einer Limousine aufzubrechen.

Doch sie hackten mit einer Aufdringlichkeit und millimetergenauer Präzision auf immer die gleichen Stellen, als wüssten sie genau, wie sie an das herankamen, was hinter der Scheibe vor sich hindämmerte. In seinem Zustand wunderte ihn gar nichts, selbst, dass sich die ersten Macken auf dem Glas zeigten, wie winzige Aufschlaglöcher von Rollsplitt. Ihre sternförmigen Rissen wanderten immer weiter aufeinander zu. Bald würden sie ein feines Netz bilden und die Scheibe blind werden lassen, mit dem bloßen Ellbogen rauszutrümmern.


Angst stieg in Sören auf. Er zuckte völlig überreizt von Drogen und Vogelgebahren vor den Schnabelhieben zurück. Auf seiner Motorhaube und dem Dach drängten sich jetzt immer mehr der Viecher. Ihr heißeres Krächzen nahm einen aggressiven Unterton an, ihr Hacken dämonische Betriebsamkeit. Sie hatten es auf ihn abgesehen. Heilige Scheiße.

Er suchte mit zitterndem Finger den Startknopf, schaffte es, ihn zu drücken. Der Motor brummte auf. Er versuchte einen Gang einzulegen, aber die Komplexität einer Gangschaltung überstieg jetzt sein sich verflüchtigendes geistiges Leistungsvermögen. Statt, wie Sören beabsichtigt hatte, rückwärts zu fahren, machte der Wagen einen Satz nach vorne. Sören trat wie ein verrückter aufs Gas und ließ den Motor aufheulen.

Der Krähenschwarm stob aufgekratzt und mit lautem Getöse auf. Für einen Moment bestand die Luft aus nichts als schwarzen Flügeln. Sie behinderten sich gegenseitig, kollidierten aber nie. Wie eine finstere Explosion erhob sich der Schwarm über das Auto.

Das schoss, wie ein tollwütiges, befreites Tier auf einen kurzen, flachen Abhang zu. Wenn es sich überschlägt, durchzuckte es Sören noch, dann ist alles aus. Stattdessen fing eine Birke zitternd die Wucht der Abfahrt ab, der Stamm knackste, war aber stabil genug, um sich in die bullige Vorderfront reinzutreiben. Die entblätterte Krone donnerte auf das Dach und hinterließ auch dort tiefe Beulen. Eine Fronthalogenlampe erlosch splitternd, die andere leuchte grell wie ein Suchscheinwerfer in einen Hain junger Bäume hinein. Als sei es ein grotesker Vorhang. Als müsste etwas in den grellen Kegel treten. Doch da war nur das schaurige Nichts junger Buchenstämme.


Der Motor stotterte kurz und soff dann ab. Sören, der keine Zeit damit verschwendet hatte, sich anzuschnallen, wurde mit voller Wucht nach vorn geschleudert. Statt das Bewusstsein zu verlieren, genügte der Aufprall seiner Stirn, um die Scheibe zu zerbersten. Der Unfall hätte weitaus schlimmer ausgehen können. Jetzt verschaffte es ihm sogar einen winzigen Vorteil, nicht an den Sitz fixiert zu sein.

Ein hundertfaches Krähen erfüllte die Luft hinter sich, bevor Dutzende Körper tief über die Kante des Abhangs auf ihn zujagten. Sören spuckte Blut. Er hatte nur eine leichte Wunde am Kopf, zum Glück. Er musst raus hier – nur raus. Er entschied, dass es schneller sei, durch die Scheibe zu steigen, als eine der verzogenen Seitentüren aufzustemmen. Er schaufelte völlig benommen und wie in Zeitlupe die verbliebenen Splitter fort. Dann quälte er sich zwischen den gezackten Rändern nach vorne. Das alles blieb verschwommen und abartig wie ein bösartiger Traum. Nur, dass es keinen Ausgang gab. Kein schweißnasses Erwachen. Er blieb einfach drin stecken. Es war, als schaue er sich selbst beim Ertrinken zu.


Es war schon unwahrscheinlich, dass er es überhaupt schaffte, aus dem Auto hervorzukriechen. Sein Überlebensinstinkt mobilisierte seine letzten Kraftreserven. Während das Zeug in ihm hell orange durch seine Nervenbahnen loderte.

Wegen der abgerundeten Autoglassplitter trug er nicht mal eine Schnittwunde davon, als er kraftlos über die Motorhaube nach vorn rutschte. Nur ein paar Kratzer.

Sie schienen die unheimlichen Vögel noch anzuheizen.


Er kam auf wackelige Beine, die ihn kaum trugen. Er fragte sich flüchtig, warum er sie kaum spürte. Er taumelte auf den Hain mit den jungen, dicht an dicht stehenden Bäumen zu. Wenn es überhaupt eine Chance gab, zu entkommen, flackerte es durch seinen schwindendes Bewusstsein, dann zwischen diesen Bäumen. Sie waren zwar genauso nackt und trostlos wie der ganze, düstere Wald um ihn herum, aber die Spitzen standen so eng, ihre sonst verbissen miteinander nach Sonne kämpfenden Zweige waren so ineinander verstrickt, dass sie es den teuflischen Krähen schwerer machen würden, von oben anzugreifen. Er versuchte zu rennen, schleppte sich aber mehr voran.

Als die erste Krähe mit messerscharfen Krallen seinen Hinterkopf rasierte und etwas Warmes durch seine Haare auf seinen weißen Hemdkragen tropfe, begriff er: Er würde es nicht schaffen.

Es war zu spät.


Er fuchtelte verzweifelt um sich. Er wollte schreien, aber alles, was das Teufelszeug noch zuließ, das er sich selbst verabreicht hatte, war ein jämmerliches Wimmern. Immer mehr Krähen stürzten sich auf ihn herab. Er war ihnen schutzlos ausgeliefert.

Ihr Krallen zerfetzten seinen Armani-Anzug und sein Hemd, bis er auch auf seinem Rücken aus unzähligen kleinen Wunden blutete. Er stürzte kraftlos, fiel auf die Knie, schlug sie sich auf und rollte auf den Rücken, wo er mit dem Kopf hangabwärts liegen blieb.

So dass ihm die dünne Mondsichel hämisch zulächelte, wenn sie gerade nicht von schwarzen Flügeln verhangen war.

In einer letzten, verzweifelten Anstrengung kroch er rücklings auf den Hain zu, nackten Horror im aufgerissenen, trüben Blick.

Schnäbel sausten auf sein Gesicht zu. Seine Ohren dröhnten vor gierigem Krächzen. So laut er auch schreien würde, die Schar schwarzer Todesboten übertönte es. Übertönte heißer noch seine letzten Atemzüge, die sein Körper mit Gewalt seinem freigelegtem Leben entriss.


Sie nutzten ihre kleinen, harten Schnäbel wie Meisel. Sie zupften kleine Hautfetzen aus seiner Brust heraus und machten sich an seinem Hals zu schaffen. Er sah sich, blutüberströmt, hilflos, das Hemd in blutigen streifen, und diese Dämonen machten einfach weiter. Versetzten seine tauben Gliedmaßen in grotesk zuckende Bewegungen. Je mehr er blutete, umso hektischer und geschäftiger wurden die Vögel. Er wandte sich entsetzt ab, der Geruch nassen, verrottenden Laubes und fauliger Erde drang in seine Nase, vermischt mit dem Gestank seiner eigenen Angst und mit dem Geruch des Lebens, das seinen Körper verließ.

Mit seinem linken Auge bemerkte der Sterbende, wie sich einer der Dämonen an seinem rechten zu schaffen machte. Er konnte kaum atmen vor Federn. Aber es war auch nicht mehr notwendig.

Vor wenigen Minuten hatte er sie noch verflucht, jetzt war er zutiefst dankbar über die Drogen. Denn sie schluckten den Schmerz, bis es vorbei war.


Jemand anderes würde den Reelsworth-Bericht schreiben müssen.



Curse the day, hail the night
Flower grown in the wild
In your empty heart
In the breast that feeds
Flower worn in the dark

Moonspell, Scorpion Flower


Kapitel 1: Rabenseele


Dein Hirn ist Napalm. Magie ist jenseits der Regungslosigkeit. Eat my brain und verbrenn dich nicht dran, während du dich daran erinnerst. Und frag dich mal, ob du deins nicht schon längst mit Dosenbier abgelöscht hast.

Ich wollte irgend etwas anders machen. Etwas Besonderes werden. Fantasy-Autorin vielleicht. Oder Rockstar. Was weiß ich, hab keinen Schimmer – was Besonderes eben. Aber das wollen wir doch alle. Oder geben es zumindest vor, da draußen, wenn wir uns nicht in unsere Wohnlandschaft fletzen und in die Kissen furzen.


Wollen irgendwen beeindrucken, wenn wir schon uns selbst nicht mehr beeindrucken können. Weil wir uns selbst tagtäglich ertragen müssen und unsere billigen Tricks und Mätzchen schon kennen.

Aber selbst wenn wir uns anstrengen: Irgendwann hat uns die Realität eingeholt und uns ins Genick getreten, so dass wir mit hundert Sachen volle Kanne mit unserer Fresse voran auf den Asphalt knallen. Hauptsache, wir kommen nicht von selbst ab, weil wir zu blöd zum Leben waren. Oder stolpern über unsere eigenen Füße, weil wir zu faul waren, sie zu heben.

Schön, sagen sich manche. Na gut. Auf die Fresse gefallen – na und, was soll's, vorher immerhin gelebt! Aufstehen, Krone geraderücken, weitergehen. Aber was denn für ein Leben, bitte? Cola und Chips und abgefuckte Computer-Games und hirnlose Fernsehserien, um uns alle zu zahlenden Zombies der Unterhaltungsindustrie zu machen. Früher hatten wir keine Zeit, weil wir aufs Feld mussten. Heute haben wir Zeit ohne Ende und verplempern sie mit Fast Food und Hirnweichspüler-Fernsehserien und Partys, auf denen wir uns über unsere Lieblings-TV-Helden austauschen. Und glauben, sie seien unsere Freunde, weil wir mehr Lebenszeit mit ihnen verbringen als mit sonst irgend jemandem auf diesem abgeranzten Planeten. Wir posten unser Hirn in die sozialen Netzwerke und fackeln es öffentlich, unter aller Augen, ab, und machen es uns schön warm.

Gute Nacht.


Ich wollte nicht etwas hermachen für mich, nur, um mich toll zu fühlen und tolle Typen rumzukriegen. Nein. Ich wollte, das etwas von mir bleibt. Am Ende, wenn die Tage gezählt und die Rechnungen bezahlt sind. Der Alltag legt sich wie Staub auf deine freie Seele. Ich wollte die Seele frei wischen, kräftig putzen. Und habe nur den Staub aufgewirbelt. Wie in einer Schneekugel. Ich habe nicht den Willen und den Mut und die Ausdauer gehabt, das Glas zu zerschlagen. Hab's nicht gepackt, durchzubrechen. Ich habe nur geschüttelt, gedreht und x-mal gewendet, was nicht mehr zu retten war. Ich habe tausend Mal begonnen und nicht ein einziges Mal beendet. Ich, Luca Reich, bin eine verdammte Totschlägerin.


Denn ich habe Figuren zu Papier gebracht, die mit ihrer Geburt, mit den ersten Buchstaben für das Vergessen bestimmt waren. Ich habe in wilder Wut und Hoffnungslosigkeit erschaffen – und losgelassen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie verfluchen mich. Wesen ohne Substanz, eine fahler Abglanz ihrer Möglichkeiten. In irgend einer Vorhölle warten diese substanzlosen, missgebildeten, verrottenden Bastarde auf mich, um mich in Stücke zu reißen. Um mir den Rest von Lebensenergie und Zuneigung, den ich ihnen verwehrt habe, von den Knochen zu schaben. Na und? Hätten sich besser nicht mit mir abgegeben. Sie waren ja so bescheuert, mir einzufallen. Als wenn es so eine Art Zwang wäre, mir in den Schädel zu springen, in mein Napalm-Gehirn, meine Ideenverbrennungsanlage. Hätten sich besser mal über mich informiert, bevor sich diese Penner mit mir abgegeben haben, sich in mir einnisten, mir in einer bierseligen Nacht vors geistige Auge springen, wo ich sie ohne mit der Wimper zu zucken überfahren habe. Statt sie mitzunehmen.

Denn auch vor diesen Ausflügen ins Nirvana der Literatur habe ich noch nie etwas zu Ende gebracht. Weil ich von mir selbst furchtbar gelangweilt bin, wenn ich zu lange an einer Sache rummache. Nach ein, zweimal Fummeln ist auch gut. Sense. Das hätten sie sich besser vorher überlegt, statt mich davon überzeugen zu wollen, dass ich eine Schriftstellerin oder so was in der Art bin.

Wenn jedem Anfang ein Zauber innewohnt, muss ich vor Magie gleich kotzen.


Ich kann jedenfalls von mir sagen, das Leben dazu genutzt zu haben, mit 200 Sachen gegen eine Mauer zu brettern, klatsch! Weil ich der Meinung war, sie zu durchbrechen. Und vorher? War ich diejenige, die immer wieder im Straßengraben gelandet und über ihre eigenen Füße gestolpert ist.

Warum ich mir die Mühe mache, immer wieder aufzustehen, aus dem Straßengraben zurückzukriechen und mit blutigem Maul zu lächeln? Damit meine Familie am Ende nicht Recht behält, als sie mir eingetrichtert hat: Mädchen, mach was Ordentliches. Weil es das Schlimmste ist, ihre Ratschläge ertragen zu müssen, während ich die Hand aufhalte. Musste halt anders zu Geld kommen. Also habe ich angefangen, über Karnickelzüchter, Karnevalsvereine und Verordnungsreiter zu schreiben. Keine Orkarmeen. Keine finsteren Verliese. Keine uralten Dämonen, die mit nur einem wahren Namen gerufen werden können, um sich an mythischen Kontinenten satt zu fressen. Keine blutigen Liebesepen, die im Angesicht unserer finstersten Ängste die totgesagte Romantik des Mittelalters wiederbeleben und mit dem Schwert und ihrem Leben verteidigen.

No Sir! Lichtdurchflutete Amtsstuben, peinlich sauber geordnete Papierstabel und Fördergelderanträge. Telefonate. Noch mehr Telefonate. Tagesordnungen. Lokalpolitik. Kommunalgesetzjongleure und Wirtschaftsförderer. Neujahrsempfänge. Dixie-Klo- und Absperr-Manager. Ich habe weder E-Gitarre noch – wie mein sauberer Herr Bruder – Betriebswirtschaftslehre gelernt. Also bin ich hier gelandet.


Auf abendlichen Stadtratssitzungen und Ortsratsversammlungen, wohin meist Herren aus ihren ausgelutschten Ehen fliehen. Stammtisch über den richtigen Straßenbelag und fehlende Moneten für Brandschutzverordnungen abgehalfterter Grundschulen abhalten. Ich rezensiere Bastelbasare. Lobe 50-jährige Jubiläen von was-weiß-ich-denn. Ehrlich, Leute: Typen, die 50 Jahre lang in ein und dem selben Kaff hausen, so wie Kankra in Herr der Ringe darauf lauert, dass irgend etwas passiert, dass wer vorbeikommt, an dem sie sich abarbeiten können. Unfassbar. Und ich darf mit großen hübschen Augen die Interessierte mimen und aufpassen, dass ich bloß nichts Falsches schreibe, sonst bestellen zehn Leute das Käseblatt ab und das Käseblatt mich.


Luca Reich, Schreiberling, stets zu Euren Diensten. „Können Sie das denn überhaupt lesen?“ Nein, deswegen sitze ich ja hier und schreibe mit, ihr Vollpfosten, weil ich es nicht lesen kann.

Es heißt, jeder ist seines Glückes Schmied. Aber was, wenn die guten Erze schon zu Weißblechdosen, Familienvans und Karnevalsorden gewalzt wurden?


Was, wenn eine 18-Jährige damit beschäftigt ist, ihre Haare geschickt so zu schnippeln und zu legen, dass sie sie zu Krippenspielen und zu Metalkonzerten tragen kann? Ohne dass die kahle Seite zu stark auffällt? Sich mit ihren Haaren beschäftigt statt mit der Selbstverwirklichung, als sei sie nicht aus ihrer pinken Phase herausgekommen. Gut, irgend jemand hat ihr einen Eimer Schwarz in die Haare geschmiert. Sie ist irgendwo in der Zwischenpubertät stecken geblieben, auf dem Weg zur Evil Fucking Bitch.


Was nichts daran ändert, dass sie eine ist, die über Charité-Spendenübergaben Sätze drechselt. Die damit beschäftigt ist, ihre Drecksklaue vom Block zu entziffern, dabei könnte man die Rede jedes Schlipses mit Copy und Paste für jeden neuen Anlass und jeden weiteren Zeitungsartikel mit ein paar Änderungen aufhübschen. Aus so einer Art Blabla-Datenbank auffüllen, wo du Versatzstücke für Cash runterlädtst – wo die Schmerzensgeldzahlungen für die Zuhörer gleich mit abgehen. Zeitverschwendungsgebühren. Ihr ahnt es schon: Auch diese Datenbank hab ich nicht programmiert, um mich fein mit Ende meiner Jugend zur Ruhe zu setzen. Mit dem Ergebnis, dass mein Leben zu viele Überstunden hat.


Wenn das so weitergeht, saufe ich mich aus Langeweile noch ins Jenseits. Es ist diese Leere. Es ist fast schon egal, was ich abends runterkippe, ich muss nur wieder nüchtern genug sein, um rechtzeitig den verschissenen Artikel abzuliefern. Es ist mir Humpe, womit ich mir die bösen Gedanken zulöte. Es geht alles. Whiskey, Bier, Likörchen.

Die bösen Gedanken. Mein Problem ist doch, dass ich hinter allem Firlefanz das Nackte allen Daseins, das Weiß des Knochens sehe. Ich fühle mich nicht mehr aufgehoben. Auch jetzt nicht. Nirgends. Ich bin für immer auf mich zurückgeworfen. Ich bin seelisch blank. Ich spüre die Einsamkeit der Existenz, trotz meiner 187 Facebook-Freunde. Das Alleinsein der Dahintreibenden. Hinter dem Rauschen in uns ist nichts als Totenstille.


Ich kenne also mein Problem. Es ist nicht so, dass ich auf die Weisheit, „Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung“, noch einen Pfifferling gebe. Ich kenne das verdammte Problem, die bösen Gedanken, aber sie wollen nicht raus, raus aus meinem Kopf, es ist egal, was ich anfange oder wie oft ich es anfange. Es ist die Totenstille, die in mir schreit und mich taub und ausgebrannt zurücklässt. Manchmal wünschte ich, ich würde mich trauen, dieses Rauschen einfach rauszulassen. Aber das wäre nun wirklich zu einfach. Irgendwas muss damit doch anzufangen sein. Irgend einen abgefuckten Grund muss es geben. Einen Grund für mich. Für mich und das verdammte Rauschen in mir.


Sagte ich schon, dass ich Atheistin bin? Und das trotz meiner stockkatholischen Systemerziehung. Ich war ein einziges Mal beichten und wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Ich war überfordert und hatte Angst um den kurzatmigen, dicken Pfarrer. Ich wollte nicht diejenige sein, die seinem Herz den Rest gibt. Und dafür im Knast landen oder so was. Nicht für einen kotelettegenährten alten Fettsack, der sich, nachdem die Messe gelesen ist, um die Reste des Messweins kümmert. Heute würde ich, nur aus Neugier, noch was auf meine Sünden draufschlagen, einfach was hinzuerfinden, um zu sehen, wie weit ich gehen kann, um die Grenzen seiner Nächstenliebe und seiner Beipässe auszuloten. Bin ich deswegen ein schlechter Mensch?


Ja, wenn es nach meinem Bruder geht. Aber da gebe ich einen Dreck drauf. Sören ist so angepasst, dass er sowieso nicht mehr zu erkennen ist hinter seinen Clownschminke-Schichten aus Heuchelei und Spießertum. Er hat so verdammt alles richtig gemacht, dass mir nur beim Gedanken daran ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Ehrlich, Leute – ich habe das Grauen gesehen.


Sören ist wie eine Maschine, schnurrt wie ein Uhrwerk, und kann dich mit nur einem Blick seiner ganzen Verachtung gewahr werden lassen. Er posaunt seine Überlegenheit und verdammte Selbstgerechtigkeit wie ein Schweizer Glockenwerk hinaus, pünktlich und vor Publikum, in dem Moment, wenn die ganze Verwandtschaft versammelt ist. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, im Gegensatz zu meinen Alten mit ihren lächerlichen Versuchen, die Fassade aufrecht zu erhalten. Sören war für Family-Porn immer zu haben, so lange es seine gelackte Oberfläche nicht ankratzt. Er ist der Erstgeborene, mein „großer Bruder“, auch wenn ich nicht gerade stolz bin, sein Blut in meinen Adern zu haben, obwohl man ja sagt, Blut ist dicker als Wasser. Ich würde es gern loswerden, wenn das irgendwie möglich wäre. Also, nicht ihn. Sondern – jede Verwandtschaft zu ihm. Auch nur die leiseste Ahnung unserer DNA-Ähnlichkeit. Himmel!

Er ist derjenige, auf den meine Alten wirklich stolz sind. Der zweite Versuch ist in die Hose gegangen, Schuss in den Ofen. Aber der erste, Leute, der erste... kann sich echt sehen lassen. Echtes Prachtstück. Klavierunterricht mit acht, Abiturbester, BWL-Studium, drei Fremdsprachen, mit gerade mal 21 schon Stipendium und Aussicht auf einen Trainee-Posten in der mittleren Führungsebene eines großen Logistikdienstleisters. Ganz großes Kino. Betriebswirtschaftslehre, das ist nicht bloß ein Job – das ist eine Religion. Alles, was dir kein Geld einbringt, ist rationierbar. Denken, meine Freunde – Denken verschleudert nur Energie. Besser abstoßen. Sören hat ziemlich schnell kapiert, wie der Hase läuft, es allen recht gemacht und begriffen, dass meine Wenigkeit nur seine Marge minimiert.

Ein einziges Mal, ein einziges Mal wollte ich dir mal voraus sein, du Kackpratze. Wenigstens dieses Mal wollte ich dir vormachen, wie es geht. Es sah ganz so aus, als geht es mit mir vor dir zu Ende.


Meine Kumpels haben noch nichts gemerkt. Ich nenne sie: Die WG der Gescheiterten. Sie passen zu mir wie die neue Mittelklasselimousine zu meinem Vorzeigebruder. Wie einer meiner abgetragenen Jeans und durchgelaufenen Sneakers die Rolex an sein Bubihandgelenk unter der Hemdmanschette.

Im Grunde ist mir egal, was meine Familie denken wird, ob es ihm, Wunder-Sören, am Arsch vorbeigeht, das ich ihm nicht mehr wie eine Fremde auf der Straße begegne. Es ist egal, ob sie mich irgendwie vermissen.

Aber ich frage mich, ob die WG der Gescheiterten mich vermissen wird, was Veit und Torben und Alexa an mir gefunden haben. Ob da mehr war als wodkagetränkte Abende. Kneipentouren. Intellektuelle Null-Diskussionen und nerdige TV-Helden-Wettstreits. Ist doch egal, ob wir Andrea, Carl oder Lori heißen. Irgendwann kommen wir alle dran. Irgendwann haben uns die Beißer am Arsch. Weil sie ohnehin nur für die alles verschlingende Existenz stehen, die Brandung der Lebenslügen und Fallgruben des Verrats. Am Ende geht jede unser Amplituden gegen Null, ist nur eine Frage des Durchhaltens und Durchhalten-Wollens, wie lange wir es machen. Am Ende – Flatline. Und die Geräte werden abgestellt. Das Bett freigeräumt.


Ich hätte nie gedacht, dass ich mal die Hauptrolle in meinen eigenen abgedroschenen, klischeebeladenen Pulp-Geschichten spielen würde. Ich weiß nicht einmal, ob irgend jemand diese Zeilen hier finden wird, wenn mich die Dunkelheit verschlungen haben wird. Wenn sie über mir zusammenschlägt. Wie nebensächlich, nichts Großes. Nur ein unbedeutendes Schicksal von vielen. Wenn die Höfe des Zwielicht ihren Tribut fordern.

Die Höfe. Ich grinse mich kränklich in dem zerbrochene Spiegel an. Doch nicht einmal dem Verhängnis in die Fratze lachen hilft mehr, drüber hinwegzukommen. Es steckt in mir wie eine verdammte Morgul-Klinge, von der immer ein Stück abbricht, auf dein Herz zuwandert und dich langsam aber sicher zum Geist werden lässt. Ich bin schon ein Schatten meiner selbst. Ein Geist, ja – aber einer von der stillen, dahinvegetierenden Sorte.

Die Zeitung, für die ich gearbeitet habe, wird das Ende ihrer eigenen kleinen Schmierfinkin gerade mal eine Meldung wert sein. Vielleicht haben sie auch gerade nichts anderes und schlachten es mit falschen Tränen in den Augen auf den Lokalseiten aus. Es gibt andere. Es geht immer weiter. Ich bin wie alle austauschbar.


Luca Reich, 18, Junkie, starb eines beschissenen, verregneten unwichtigen Novembertages anno 2020 an einer Überdosis auf einer Toilette des Berliner Hauptbahnhofs, wird es heißen. Mein Gescheiterten-WG-Mitbewohner Veit – das dachte ich anfangs jedenfalls – würde glauben, ich war drauf, high bis unter den Scheitel, als ich ihm irgendwas vom Zwielicht und den schwarzen Herzen der Menschen auf einen Zettel gekritzelt habe. Die ich sehen kann. Die ich riechen kann. Ich rieche ihre Auren, kleine, hässliche Funzeln voller Zorn. Kleine Beamten, Postboten, Kioskbesitzer, Manager, Vorarbeiter, die jenseits der Grenzen, wo die Ranken des Geistes sich vom Gefängnis aus Fleisch befreien, wie boshafte Tiere aussehen. Nach Hass stinken und nach Wermut schmecken. Das Schlimmste wird noch sein, dass sich Veit vorwerfen wird, es nicht gemerkt zu haben, dass ich zu den ganz harten Sachen gegriffen habe.


Sie mit 200 Sachen in meine Venen, in mein Rauschen, hineingejagt habe, bis sie meine Synapsen zerlegten, weil mir Raki nicht mehr genug geknallt hat.

Wofür sind wir hier, wenn wir, außerhalb des Leistungsrasters der Flachbildschirm-Jünger, in das sich mein werter Bruder verkrallt hat, als wäre es seine letzte Verteidigungslinie, nichts mehr wert sind außer 7,50 Euro? Calcium, Eiweiße, Blutplasma, fein säuberlich in seine chemischen Bestandteile zerlegt.


Das ist es. Ich löse mich langsam auf. Ich weiß nicht, wo ich bin oder woraus ich noch bestehe. Bin weder hier noch ganz dort, wenn man es einen Ort nennen kann, das, von wo es keine Wiederkehr gibt.

Aber der Reihe nach. War ja klar, dass es nicht so einfach wird. Schön von vorne, für den Fall, dass wirklich jemand vorbeikommen sollte und auf diese letzten Zeilen stößt, für die ich nicht mal ein Honorar bekomme, um es am nächsten Kiosk in eine Flasche Chianti umzurubeln.


Das hier ist der Artikel meines Lebens. Ich habe noch niemals so knietief in der Scheiße gesteckt und recherchiert. Dabei weiß ich schon jetzt, dass es niemand für voll nehmen wird. Schade, dass Kameras, wo ich bin, nicht funktionieren. Einfach nicht rüberbringen, was ich ausdrücken will. Sie zeigen Bilder, aber niemals – das Innere der Menschen. Sie tasten es nur ab, wie ein Blinder über die Oberfläche von Dingen streift. Doch Bilder sind oberflächlich. Im Zeitalter, in dem die Apokalypse täglich in den Medien abgespult wird, fällt die echte gar nicht mehr auf. Mein Text wird das Manifest einer Verrückten sein. Einer Junkie, die für den Tripp ihres Lebens draufgegangen ist. Meine Eltern werden sich ein letztes Mal fragen, was sie falsch gemacht haben. Sorry. Es ist mir egal und ich hasse euch. Aber ich kann diesmal wirklich nichts dafür. Ehrlich. Ich habe mir das hier nicht ausgesucht.

Und du Sören, du kleiner Bastard, dir wollte ich trotz allem schreiben: Halt die Ohren steif. Du packst das schon. Diesmal sind alle Bonbons für dich. Ich wünsche dir Glück, ehrlich. Glück dabei, dir selbst zu entkommen. Weißt du noch, als wir das letzte Mal friedlich nebeneinander saßen und wirklich so etwas wie Verbundenheit erlebt haben? In diesem Hertha-Spiel? Es war denkbar knapp, und wir haben uns hinterher glücklich angeguckt, waren ein einziges Mal einer Meinung: Wie geil das gewesen ist. Da war nichts zwischen uns. Es war der perfekte Moment. Makelloser Einklang. Hab ein spießiges, glückliches Leben im Einfamilienhaus. Heirate, mach zwei Kinder, schick sie in die Musikschule, trink Saft aus Tüten auf Elternabenden, betrügt euch nach sieben Jahren, lasst euch scheiden, das ganze Programm eben.

Ja, wäre toll, oder?


Aber die Wahrheit ist: Ich hasse dich wie die Pest. Und weißt du auch warum? Es kann mir so beschissen gehen wie immer, ich kann sogar in die Dunkelheit gehen, das hässliche Zwielicht sehen und so richtig am Boden sein, mir die Seele selbst aus dem Leib kotzen. Du hast es mal wieder geschafft.

Erstgeborener, und trotzdem könnte ich schwören, dass das letzte Mal, als du zwischen den ganzen Kabeln, Schläuchen und vollgepumpt mit Adrenalin deine himmelblauen Augen aufgeschlagen hast, während deine blonden Locken an deiner Stirn klebten und nur die Krankenschwester, die einzige Schwester, die du wirklich noch hast, sie dir ab und zu hochkämmte, du, völlig ungestyled – dass du da an mich gedacht hast und nur ein Wort gesagt hast, dass uns beide zu dem macht, was wir sind: Feinde. Du nur dieses eine Wort geröchelt, nur dieses eine Wort für mich übrig gehabt hast: First.

Erster.

Wetten?

Leck mich doch!

In Wahrheit weiß ich nicht, wie du wirklich gestorben bist. Es muss furchtbar gewesen sein. Bei dir ist immer alles doppelt so groß. So unbeschreiblich amerikanisch.

Selbst im Tod wolltest du wieder der erste sein. Arschloch.

Und ich? Hab's nicht mal richtig geschafft zu sterben. War ja klar.


Ich bringe nie was zu Ende.


Aber schön der Reihe nach, wie gesagt. Ich wollte ja von vorn anfangen, von Anfängen verstehe ich was. Ich beginne da, wo die Dinge anfingen, so richtig aus dem Ruder zu laufen, mit mir als abkackender Protagonistin, am Ende allein gelassen und verzweifelt und so voller Wut. End of Green hat mal ein Lied geschrieben, in dem es heißt, wir sterben in dem Moment, in dem wir am meisten leben. Wie Recht sie haben. Zumindest, wenn ich jetzt auf diesen Abend im schummrigen Schein der vergitterten Lampen zurückblicke, fünf Meter tief unter der Erde, ein Ort, der auch gut als Folterkeller für ausrangierte Russenmafia-Handlanger gedient hätte, mit meterdicken Betonmauern, durch die kein Schrei dringt – wäre er nicht vorher zu einem Partykeller für von Finsternis betrunkene Seelen gemacht worden: drei Floors, ein Stroboskop-Gewitter direkt aus den Eingeweiden der Hölle, eine ständig von Schwaden durchzogene Luft wie zum Schneiden. Irgendwer raucht da immer, wenn die Nebelmaschinen mal nicht auf Hochtour laufen. An der Bar verbreitet ein überdimensionales, rotes Neonkreuz den Eindruck, als stehe man an einer Apotheke. Ich glaube, es gibt da auch Pillen, wenn du die richtigen Leute anquatschst oder sie dein Gesicht schon kennen. Die richtige Kombination aus bunten Pharmazeutika und Vierzigprozentigem wirkt Wunder, aber ich entscheide mich für den Anfang für ein schnödes Glas Rotwein, während ich keine fünf Meter weit sehe bis zur Bühne zwischen den brennenden Ölfässern.

Während ich, wenn ich mich in die andere Richtung drehe, kaum noch bis zum Ausgang sehen kann, nur das Schild „Exit“ strahlt grün wie eine Leuchtreklame in meinen erhitzten Geist.

Und dann, aus dem ganzen kränklichen Halblicht, das in erdigen Tönen erleuchtet ist wie ein wahrer Höllenschlund, als klettert man gerade in den Schwefelschlot eines gärenden Vulkans, aus diesem Schmutz zum Atmen: steigen sie. Vier Jungs, die Gesichter zu Totenmasken entstellt, Corpse Painting, so fucking true – schwarze Augenhöhlen, wie mit Klauen erweitert, verschmierte Bärte, als hätten sie Menschen gegessen, ein schwarzes Aderngeflecht über den kalkweißen humanoiden Kanten ihrer Schädel, die manchmal hinter einem Vorhang aus langen schwarzen Haaren verschwinden, manchmal wie vier Monde von den Spotlights aus dem Nichts herausgeschält, wie gehäutet erstrahlen. Fratzen. Die einen sehen wie organisch aus, wie mit einem Pilz überzogen. Die anderen wie akurat mit Stilett in Schwarz und Weiß geschlitzte groteske Widerscheine ihres alten Selbst, das die vier irgendwo im Backstage-Bereich haben liegen lassen wie eine verrottende Leiche.

Gutes Stichwort.

Aber dazu kommen wir noch... zu der Leiche, meine ich. Sören war nicht die einzige.


Nothing but the Trees. Sie verkörpern für mich all das Missgebildete, das Abgefallene dieser so hoffnungsvoll begonnenen Welt, den Luzifer in jedem Atom unserer düstersten Momente. Sie sind das Brennglas, dass die Schwärze aus mondlosen Nächten an die Oberfläche unser von Heuchelei und Verrat vernarbten Gesellschaft spült. Die Nemesis einer untergehenden Konstruktion aus verrostenden Stahlgerüsten. Sie brüllen es dir direkt ins Gesicht, brüllen es in die schweißtreibende Nacht und schwitzen dabei Blut, ihre bis zur Entstellung verzerrten Powerchords, ihre Blastbeats, all das geht dir direkt in die Magengrube wie ein schimmernder Speer, wie Chirurgenstahl.

Wie lange habe ich auf diesen Auftritt hingefiebert. Habe mich für sie chic gemacht, das ganze Programm in der Halbwelt, die mit der namenlosen Spannung zwischen Sex und Tod spielt. Ich habe dieses Spiel bis zur Perfektion getrieben. Als ich noch klein und unschuldig war, sweet Fifteen – ooooouh my god! – habe ich den ganzen Kram noch als eine Mode betrachtet. Cool sein, ausgefallen sein, ein bisschen Punk, ein bisschen Anti. Romantisch veranlagt und der raren Schönheit des Maroden und Bizarren verfallen. Das war eine Phase, in der ich noch zum Club 27 gehören wollte. Lebe schnell, sterbe jung. Inzwischen ist es für mich mehr als das. Aus Spaß ist Ernst geworden. Wenn jeder seinen Anker im Leben braucht, dann ist es für mich die Absage an alles, was sich ein Nest einrichten will, an alles, was Sicherheit sucht, eine Burg aus Vorgärten und hübschen Fensterbildern gegen das da draußen auftürmt, um sich selbst zu verarschen, zu betrügen, eine scheinbare Festung, die noch so lächerlich vielen Stürmen trotzen muss. Zum Einstürzen verdammt ist. Ich bin meine eigene Burg, und sie bewacht nur einen Thron: sterbende Schönheit und abgrundtief hypnotisierende Verzweiflung, die so schön ist, dass sie schmerzt. An diesem Abend habe ich mir alle Mühe gegeben.


Ich lege Schminke auf, ziehe diesen Latex-Fummel an, darüber die Multifunktionsweste mit der Kunstfellsaum-Kapuze. Als ich mich zum ersten Mal so im Spiegel gesehen habe, erkannte ich mich nicht wieder. Jetzt bin ich das. Mein wahres Selbst, unverhüllt an den Schein der LED-Spots und Stroboskope getreten, die wie Insektenaugen im Nebel kreisen und mich noch etwas länger umschmeicheln als all die anderen Gefallenen hier mit mir.


Das ist meine eigene Welt. Ich habe sie mir fernab von Sören gebaut. Fernab von meiner Familie. Sie heißt mich kalt und verführerisch willkommen, wiegt mich sanft, schmiegt sich an mich.


Das Schminken dauert eine Weile, klar. Aber ich erinnere mich an mein erstes Mal: Plötzlich fühlst du dich nicht mehr wie 16. Plötzlich bist du so verdammt erwachsen, ein großes, böses Mädchen. Deine andere, viel zu lange unterdrückte Hälfte, die dich aus dem Spiegel anlächelt mit der Gewissheit eines Raubtiers, dessen Stunde kommen wird. Dein innerstes Selbst. Die Succubus in dir übernimmt das Kommando. Du bist zugleich Sklavin und Herrin. Karmesinrot gefärbte Haare.

Die Männer werden dich reihenweise anglotzen, das ist dir in dem Moment klar, in dem dich dieses Miststück wie ein Dämon hämisch aus der silbrigen Schicht angrinst, ein umgedrehtes, spiegelverkehrtes Ding. Die richtigen Männer wollen dich haben, wollen dich ganz haben, dich mit Haut und Haar besitzen. Die mit Iro, langen Haaren, bösen Tattoos und Piercings.


Einmal habe ich es mit Veit hinten im Kofferraum eines schwarzen Mercedes getan, der Oldtimer seines Arbeitgebers, den er ausfährt, damit der Motor noch ein paar Jährchen mitspielt. Sonst ist er aushilfsweise mit den modernen Totentaxis des Beerdingsunternehmena Langschmidt unterwegs. Damit bessert er seine Dauerstudenten-Kasse auf. Diesmal aber kam er mit dem Liebling seines Chefs an, der den Muff der Achtziger noch mit sich führt. Also, der Wagen, nicht der Chef. Und wir im Hinterstübchen, hemmungslos, die Gardinen vorgezogen, mit Licht. Es gibt Licht da drin, so ein paar orangene Funzeln mit stilvollen Lampenschirmchen. Auf dem Dach ist ein silbernes Kreuz. Es war wie in einem dieser Mafia-Filme, wenn ein Familienmitglied zu Grabe getragen wurde und die Vendetta in die nächste Runde kommt.

Während alle um das Grab stehen, treiben es die ungezogenen Enkel in der Auslage. Die Federung ist erstaunlich gut.

Es war verdammt geil. Nicht so sehr, weil ich auf Veit abfahre. Obwohl er nicht schlecht aussieht, ab und an ein paar Liegestützen macht, joggt und auch sonst was in der Birne hat. Er hat schöne Augen und ein rotzfreches Mundwerk. Aber das, was mich eigentlich scharf gemacht hat und es für mich zu einem der intensivsten Ficks meiner an sexuellen Erfahrungen nicht gerade armen Studentenzeit machte, war die Tatsache, dass wir es dort getrieben haben, wo sonst tote Menschen zu ihrer letzten Ruhestätte gebracht werden. Ja, ich weiß, das klingt jetzt krank.

Aber du hättest das hier ja nicht lesen müssen.


Unsere Körper waren ganz ausgekühlt von der eisigen Ladefläche, trotz der Decke, die er ausgelegt hatte, als wir übereinander herfielen, und die wir so zerwühlten, als er es mir und ich es ihm besorgte, dass unsere Haut immer wieder mit dem Eis des länglichen Kofferraums in Berührung kamen, zwischen den zitternden, atemlosen Begegnungen unseres heißen Atems und unserer warmen Haut, die wir wie zwei Erfrierende aneinanderpressten. Diese Kälte dazwischen war eine Offenbarung. Wir haben es zweimal getan, bis er einen Anruf bekam und seine nächste „Fuhre“ abholen musste und ich erst mal damit beschäftigt war, wieder in die Gegenwart zurückzukehren, geschnauft habe wie nach einem Marathon.


Seitdem hat er oft versucht, mich wieder rumzukriegen, sogar den ausrangierten Bestattungswagen hätte er dafür wieder besorgt, so sehr wollte er es, und ich habe ihn jedes Mal abblitzen lassen, weil ich weiß, dass es niemals mehr so werden würde wie in dieser kalten Herbstnacht im Hinterzimmer eines Mercedes-Benz 240D W115 - Pilato, mit zwei Sitzplätzen – und zwei Liegeplätzen, inklusive Gardinen und vier Fensterlampen, Baujahr 1983 – 20 Jahre vor meinem.


Er hat den Fahrer-Job immer noch. Auch, wenn es manchmal keinen Spaß macht, mitten in der Nacht einen Menschen abzuholen, der drei Tage lang in seiner Wohnung gelegen hat, weil er niemanden mehr hatte, weil es keinen Schwanz interessierte. Bis einer sich beschwerte, dass wieder der Müll nicht runtergebracht worden war, es so merkwürdig roch und dieser jemand erfolglos klingelte. Die Wahrheit ist doch: Es gibt schlechter bezahlte Jobs als Totenfahrer. Und stillosere.


Selbst wenn Veit auf mich steht, ich konnte es ihm nicht ersparen. Bin die harte Nummer gefahren. Habe ihm klar gemacht, dass es nur für eine Nacht war, ein Experiment, wenn auch eins, das sehr, sehr tief ging, so tief, dass er es, als wir geschüttelt wurden von unserem Verlangen, wohl nicht merkte, nicht kapierte, dass es der beste Sex war, den ich je hatte. Ich habe es ihm nie gesagt. Und er – er verstand nicht, dass ich ihn danach nicht mehr wollte. Er gibt nicht auf, das rechne ich ihm hoch an. Wir sind weiter Freunde, das ist selten. Aber der Fall ist hoffnungslos. Für meine sexuelle Erfüllung muss ich jetzt schon einen höheren Einsatz fahren. Keine Ahnung, wohin mich diese Tour, dieses Seelenstriptease, diese völlige Selbstentblößung führen wird, ob ich irgendwann nur noch Lust empfinden kann, wenn ich mir selbst oder jemand anderer mir Schmerz zufügt. Doch vorerst reicht mir der Erzfeind selbst. Die Berührung eines gefallenen Engels.


Arch Enemy. Frontman von Nothing but the trees. In diesem verrauchten Moloch will ich ihn für mich gewinnen. Ich schenke ihm in dieser Nacht alles. Er muss es sich nur nehmen.

Meine Lippen sind so schwarz wie ihre Musik. Schwarzer Lippenstift ist sexy. Der Tod macht mich an, ich umgarne ihn. Dabei ist er doch nur Show.


Dachte ich zumindest.


Ja, ja, ich weiß – schön der Reihe nach, dass du kapierst, wovon ich hier rede. Schön langsam. Wahrscheinlich denkst du jetzt gar nicht dran, aufzuhören, stimmt's? Denkst an was Warmes, Schönes. Wird noch besser. Aber hinterher wirst du dich verdammt dreckig fühlen.


Er, der ewige Feind, betritt als letztes die Bühne, ein Unhold zwischen Unholden, ein aschegekrönter König der Verdammten. Arch. Sterne zieren sein Haupt, schwarze Sterne, und die Nacht ist sein Mantel. Das Enemy unter dem Army-Namensschild mit seinem falschen Namen Arch ist mit einem Stilett in den schwarzen Stoff geritzt, Blut sickert da durch und durchnässt das Baumwollgewebe. Das Glitzern in seinen in den Augenhöhlen gegrabenen Pupillen ist noch kälter und abweisender, als ich es von dem Plakat in Erinnerung habe, wo die vier Black Metal-Scheusale Arch, Ishtar, Ustaire und Skylla aus irgend einem Abflussschacht in den weißlichen Smog einer Großstadt-Mondnacht hinaufblicken wie hungrige Guhle.


Bin an diesem schicksalshaften Abend mit Veit hergekommen, um richtig einen drauf zu machen, den ganzen Mist meiner jämmerlichen Existenz zwischen SVVs, Einweihungen und Schützenfesten in einen Rausch, einen Malstrom aus musikalischer Apokalypse und Verbindung zweier fleischlicher Hüllen untergehen zu lassen. Zu vergessen, wie kalt diese Stadt eigentlich ist, durch die Veit sich wird alleine zurückkämpfen müssen im Morgengrauen, desorientiert, desillusioniert. Er weiß noch nicht, dass ich ihn missbraucht habe, um mir Gesellschaft zu leisten, nur solange, bis ich Arch rumgekriegt habe.


Dass ich ihn, Veit, benutzt habe, um mich herzukarren und mir ein paar Drinks auszugeben. Und ich weiß noch nicht, wie ich es Veit klarmachen soll, so dass wir weiter Freunde bleiben. Es muss wie ein spontaner Flirt aussehen. Ein Wink des Schicksals, etwas, dem weder ich noch der Trees-Frontmann sich entziehen konnten. Wir gehören zusammen. Unsere Körper sollen eins werden, wie in einem verbotenen unheiligen Ritual. Wir sind füreinander bestimmt. Für eine Nacht oder das Ende aller Tage, das morgen früh beginnen kann. Und das schon da ist, wenn ich das erboste Kreischen richtig deute, dass Archs hochgezogene Lefzen in dem Moment verlässt, als die Blastbeats losbrettern, Ishtar seine Keys aufheulen lässt wie ein Rudel Carnivore, Skylla und er über die Saiten der schwarzen elektrischen Äxte fegen wie ein übler vor Blitzen glänzender Wintersturm.


Der Moment, in dem Veit sich an dem Typen mit den zerrissenen Netzhemd und den zweifarbiggen Kontaktlinsen vorbeischiebt und die zwei Plastikbecher-Biere von der Bar durch die Menge vor sich herträgt wie den heiligen Gral. Eins werde ich mit ihm noch runterstürzen, und mich dann in den Pit direkt vor die wutsprühenden Augen des Sängers werfen, der das Mikro umklammert wie einen Ritualdolch, eine Basiliskenzunge, die eine weit größere Wunde hinterlässt, als ihre schmale Klinge vermuten lässt. Seine Texte graben sich in die verdorbene Rotte unter ihm.

Die sich wie tote Gesichter aus einem versumpften vergessenen Schlachtfeld von unter der Wasseroberfläche zu ihm hochdrehen und mit ihm den Untergang herbeibrüllen. Die ihn von seinen Schnallenstiefel an aufwärts anbeten wie einen heidnischen Gott.


Konzerte dieser Band, die niemals Live-Aufnahmen und nur selten Alben macht, die nur als ein aufgeregtes Flüstern im Untergrund kursiert, sind selten, sie sind kostbar, sie sind wie eine satanische Messe. Nur manchmal machen undeutlich kopierte Lyrics die Runde, oder fragmentarische E-Mails im Blacknet, einem Insider-Netzwerk für Anhänger der schwarzen Szene.


Nur wenige sind zu diesem Konzert eingeladen worden, und nur sie waren rechtzeitig da, um sich die besten Plätze am Rand der Dämonenbeschwörung, an der Schwelle zum Höllenschlund, zu sichern. In der Hoffnung, dass das Pentagramm um sie herum, ein altes heidnisches Schutzzeichen, makellos gezogen ist zum Schutz gegen die Offenbarung des Bösen. Auf dass es nicht in sie kriecht.

Aber wer braucht schon abgegriffene undeutliche Notizen? Jeder kennt die Texte. Die Stimme aus Archs Kehle kommt hassverzerrt und schneidend klar wie eine Kristallklinge aus seinem Schlund und schneidet sich in deine Gehörgänge und deinen Verstand, klar wie ein alles erfrierender Mittwinter.

Ganz gut, oder?“ schreit mir Veit durch den göttlichen Lärm zu und zeigt dabei sein breitestes Grinsen. Dann reicht er mir das Bier.

Ganz gut? Machst du Witze?“, brülle ich zurück. „Das ist das geilste Konzert, das ich je erlebt habe.“

Cheers“, unsere Becher krachen gegeneinander, Schaum schwappt gegen meine Latex-Hose. Ich fühle schon wieder seine Blicke an mir kleben wie das Bier auf dem versifften Boden.

Ich muss dir was sagen.“

Ja?“ Er guckt mich erwartungsvoll an.

Ich finde es cool, dass wir uns einen schönen Abend machen.“

Was?“

Ich finde es scheißgeil hier“, brülle ich lauter. „Ich geh da jetzt raus. In den Pit.“

Zwischen die Typen mit den Nieten-Armschützern? Bist du wahnsinnig, willst du dir die Halsschlagader aufschlitzen lassen?“

Dafür sind wir doch hier“, ich zucke mit den Schultern und lächle ihn entwaffnend an. Sag's ihm endlich, verdammte Scheiße. „Entspann dich“, ist alles, was ich rausbringe.

Mach ich doch. Wovon singt der eigentlich?“

Was?“

Wovon der Typ siiiingt.“

Ist das so wichtig?“

Schätze, meine Ohren müssen sich erst an die Art kranker Mucke gewöhnen. He, ich komm mit.“

Quatsch, bist doch nicht mein Beschützer“, schreie ich so smart ich kann, um ihn nicht zu beleidigen. Kerle mögen es nicht, als verletzlich hingestellt zu werden. Wisst ihr was? Die verletzlichsten Typen in diesem Schuppen unter der Erde ist die unheilige Quadriga Nothing but the Trees selbst, so dünnhäutig, so entwaffnend ehrlich. „Wenn Black Metal nicht dein Ding ist, kein Ding.“

Wir wollten zusammen feiern, also feiern wir zusammen“, keift er so laut zurück, dass seine Schlagadern am Hals kurz hervortreten.

Feiern? Tz!

Meine ich das nur, oder hat der Kerl mit den Marylin-Manson-Pupillen, zerissenem Netzhemd und strähnigen Haaren da gerade draufgeglotzt? Direkt auf seine fetten, pulsierenden Halsschlagadern? Oder spielt mir das rauchige Loch hier einen Streich? Was für ein kranker Scheiß.

Alles in Ordnung?“ fragt Veit, der dem Typen den Rücken zudreht.

Klar“, schmettere ich. „Warum?“

Siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.“

Quatsch. Ist die Schminke. Lass uns moshen gehen.“

Klar.“ Also gut, Ex-Freundschaft-plus, dann wird das ganze also eine Live-Show für dich. Bist live dabei, wie ich mit dem Teufel buhle. Für Erklärungen ist immer noch Zeit.

Dachte ich den Abend zumindest.

Plötzlich sind wir von der tobenden, stampfenden Menge umgeben, ein Rausch ausbrechender Emotionen, und vor Schweiß und Wut dampfender schwarz-weißer Gesichter. Manche haben hier mit dem Corpse Painting mindestens so lange zugebracht wie ich mit meiner Gothic-Aufmachung. Schultern knallen gegen Schultern, Veit versucht mich abzuschirmen, aber es ist mir egal, was abzukriegen. Köpfe, zuerst in den Nacken gelegt, senken sich wie Dreschflegel nach vorne, Haare peitschen mein Gesicht, Eisenstachelbewehrte Arme und zu Teufelsgabeln gespreizte Hände recken sich wie ein Speerwald nach oben. Wen stören ein paar blaue Flecken oder Schrammen. Der Mob hinterlässt seine Spuren, schont nichts und niemanden. Wir alle sind nur vergängliche Körper, geschaffen für ein kurzes Aufflammen, um dann in Asche davonzuwehen. Aber nichts gegen den da oben.


Fuck, ist Arch unten, denke ich. So verdammt verletzlich. Die Scheinwerfer scheinen seine weiße Haut zu durchscheinen wie eine dünne Membran.

Er zieht die Nase wie eine Wolfsschnautze kraus, das Funkeln seiner Tieraugen fängt das grelle Bühnenlicht ein und wirft es klirrend eisig und hasserfüllt zurück, bevor seine Nasenwurzel komplett zerfurcht, er die Augenbraun runterzieht und aus den Augen zwei schwarze bodenlose Krater werden. Nur die „First-Airborne“-Jacke macht ihn jetzt noch zu so etwas wie einen Teil einer Zivilisation. Einer von Krieg und Leid entstellten zwar, aber immer noch einer Zivilisation. Jeder einzelne von uns opfert darin Tag für Tag seine Menschlichkeit. Religion, krächzt er, Religion ist nur der Kitt, der vortäuscht, wir seien keine darwinistischen Biester mehr. Aber eigentlich geht es doch immer nur darum, uns gegenseitig zu fressen. Fressen oder gefressen werden. Verschling mich diesmal.

Arch. Ich bin hier.

Und dann sieht er mich, ich bin sicher. Aus seinem schmalen, so leidgeprüften, aber trotz aller Schmerzen jungen Gesicht, das nur der Zorn altert, über seinen zackigen Wangenknochen und spitzen Kinn, über seinen gebleckten Lefzen, sieht er mich. Zwischen seinen schulterlangen Haaren, die ihm wie ein zerschlissenes Banner auf die Schulterabzeichen fallen. Als die Insekten-Spots mich aus dem Sumpf der zuckenden Toten heben, aus dem Nebel sezieren. Und er singt, nein, er keift, aber es ist purer Engelsgesang in meinen Ohren, der Schrei eines toten Engels: In malfean ground, I splat your crimson, yourself pouring out, under my ripping blade so deep in you, in your scattered corpse, myself I found.


Und dabei saugen sich seine Krater an mir fest und lodern im fremdartigen Feuer der Lichttechnik auf wie blasphemische Diamanten. Und er zeigt auf mich und will mir meinen Latex-Fummel vom Leib reißen, ich spüre es, und sich über mich beugen wie ein wildes Biest. Es durchfährt mich mit 10 000 Volt. Es ist der Moment, auf den ich mein ganzes verschwendetes Leben lang gewartet habe. Ich muss nur auf Toilette, mich rasch hübsch für dich machen, und dann werde ich deine Königin sein. Dann werden wir für eine Nacht oder länger den kalten Neonlichtern entfliehen, und ich weiß endlich, wofür mein ganzes nutzloses Fleisch sich bis hierhin geschleppt hat. Um von dir angezündet zu werden. Um mit dir in einem unnatürlichen Feuer zu brennen.

Mein Blick durchdringt dich, mein totendunkler Lidschatten klappt auf, um dich festzunageln, ich strahle dich verführerisch an, während der Schweiß die Haut auf meinem Brustbein ölt und in meinen Ausschnitt sickert, direkt unter den wie zu einem Wort geöffneten schwarzen Lippen.

Erst frisch machen. Und dann werden wir ja sehen, ob mich die Gorillas am Durchgang zur Backstage zu dir durchlassen.


Dein pervertiertes Säuseln hallt in meinem Schädel. Dein Lockruf. Du drehst dich noch einmal gierig um, als du nach der letzten Zugabe die Bühne verlässt. Die Meute denkt, du erweist ihnen die Ehre. Doch du erweist sie mir, rollst mir den roten Teppich in dein diabolisches Reich zwischen Whiskeyflaschen und rostigen Dämonenaccessoires aus. Gott, bist du unten, aber ich, ich baue dich wieder auf.

Wo willst du jetzt schon wieder hin?“ fragt mich Veit, inzwischen schon so durchgeschwitzt wie ich, er scheint gefallen an der Satansmusik gefunden zu haben, hat eine Prellung an der Wange, wie ein Stigma steht sie für seine langsame Abkehr vom Licht der Schöpfung. Sind wir nicht alle Beute des Versuchers? Also, sofern wir an das christliche Konstrukt glauben. Gott und Teufel, Himmel und Hölle und so. Christen und Satanisten – ein und dasselbe. Trotzdem ist da etwas in uns, egal wie wir es nennen wollen, Teufel, alter Feind, Unterbewusstsein – ein Funke, der aus Antimaterie, aus Nicht-Licht besteht, der uns dazu treibt, das zu tun, was uns Moral und Sitte und Gehorsam all die Jahre ausgetrieben haben, wie in einem gebetsmühlenartigen Exorzismus. Aber es lässt sich trotz des ganzen Aufwandes einfach nicht totkriegen – jedenfalls nicht so einfach, wie man eine Ratte totschlägt.

Es ist wach, und es will mehr. Es ist unersättlich.

Darf man hier nicht mal pinkeln gehen, ohne dass du von meiner Seite weichst?“

Pinkeln? Sicher. Was willst du trinken?“ fragt Veit und starrt unwillkürlich in meinen Ausschnitt, lange genug, dass ich hoffe, er erkennt in der Zwischenzeit, dass hier auch noch andere Schnallen rumlaufen.

Öhh – wie heißt das Zeug: Black Madonna. Ich hätte gern 'ne Black Madonna – ganz genau. Bin gleich wieder da“, flöte ich und bin in Gedanken schon dabei, Arch unter die Army-Jacke zu greifen, ihn einfach überall zu befingern und mich an seinem Lederhosenreißverschluss zu schaffen zu machen.

Die Stimmung ist seltsam aufgeheizt, als ich mich energisch zur Toilette durchschiebe. Aber kein Wunder, nach so einem Mörder-Gig. Das gute bei Black Metal-Konzerten ist immer, dass man da noch auf der Frauentoilette Platz hat, nicht dämlich ansteht, vielen Chicksen ist diese Metal-Spielart nämlich dann doch zu krass. Hoffentlich tröstet die überschaubare weibliche Auswahl Veit über mich hinweg. Denn Arch hat ganz offensichtlich mit mir geflirtet. Oder spinne ich jetzt?

Nein. Diesen Blick wirft er nicht jeder zu, abgesehen davon, dass die meisten sowieso davor wegrennen würden. Ich werde ihn haben. Aber erst mal runterkommen. Du darfst dich nicht wie eine Idiotin aufführen, wenn du mit den großen Jungs spielen willst. Ganz cool bleiben, wenn du vor ihnen stehst. Du bist die Freitagnacht-Königin, schon vergessen?


Ich pfeffere entschlossen die Tür zur Damentoilette auf, im Gegensatz zum Rest des Ladens erstaunlich aufgeräumt und hell. Das Licht zwischen den weißen Kacheln blendet mich erst mal fett. Hinter der zurückschwingenden Toilettentür verschwindet der Trubel, wird dumpf und fern. Kühle weiße Kacheln umfangen mich. Ich beuge mich über eines der Waschbecken.

Bin überraschend allein. „Ich bin so geil auf ihn“, rutscht es mir zwischen den Zähnen raus und hallt von den Kacheln zurück. Ich muss an Archs Augen-Seen über den Wangenknochen denken, die so beunruhigend den brodelnden Schuppen und dessen Atmosphäre reflektiert haben. Hinter mir schwingt die Tür ein weiteres Mal auf, gefolgt von einem Schwall Zigarettenrauch und Lärm. Ich drehe den Wasserhahn auf, fülle meine hohlen Hände mit Wasser und klatsche es gegen meine Wangen, die unter der weißen Schminke glühen wie bescheuert. Ich sehe im Spiegel einen roten Haarschweif an mir vorbeifegen. Die Frau stellt sich an das Waschbecken neben mir.

Hi“, sagt sie knapp und tuscht dann ihre Wimpern nach.

Hi.“

Vergiss ihn, okay?“ sagt die Rothaarige wie beiläufig.

Ich schnappe eine Sekunde nach Luft. Ich spiele alle Möglichkeiten durch, trotzdem stelle ich auf Durchzug.

Wovon zum Teufel redest du?“

Ich sagte, lass die Finger von ihm.“ Sie malt in aller Seelenruhe weiter ihre Augenlinien nach. Jetzt mustere ich meine vermeintliche Konkurrentin genauer. War es so offensichtlich gewesen, was da zwischen mir und dem Typen abgegangen ist?

Hast du uns beobachtet, oder was? Eifersüchtig?“

Auf dich? Phh. Habe ich nicht nötig.“

Leider hat das Miststück auch noch recht. Ihre roten Haare – im Gegensatz zu meinen nicht gefärbt – fallen stufig bis auf die schmalen und trotzdem kräftigen Schultern. Sie trägt ein dunkelgrünes, langärmeliges Girlieshirt mit phänomenal weitem Ausschnitt, darüber eine Biker-Lederjacke, schwarze Lederhose, Dokkers. Ihr Gesicht wirkt von der Seite fast kindlich, hat aber ein zu spitzes Kinn und fein geschwungene Wangen, um noch zu einem Kind zu gehören. Trotzdem ist es unfassbar sinnlich. Ich will es mir nicht eingestehen, aber – sie hat so eine Aura, die mich verdammt blass aussehen lässt, blasser, als ich mich schminken könnte.

Sie ist mit zarten Sommersprossen übersät, die ihr sogar im LED-Licht über dem Spiegel Wärme geben. Aber diese Wärme wird irgendwie von der weißen Haut aufgesogen. Kälte und Nähe haben was miteinander in diesem Gesicht, etwas sehr Inniges, und daraus schimmern grüne Augen. Sie sind so grün, dass ich zuerst denke, es sind Kontaktlinsen, weil jeder hier ein bisschen mehr aus sich machen will als er eigentlich im wahren Leben ist. Aber sie sind einfach so.

Ist doch nicht schwer zu verstehen, oder?“ sagt sie schroff und dreht ihr makelloses Gesicht zu mir. „Hak' ihn ab.“

Wer bist du überhaupt?“ blaffe ich zurück und versuche mir meine in mir aufkeimende Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. „Sein Groupie oder so was?“

Sie lächelt nur lasziv.

Sehe ich so aus, als hätte ich nötig, sein Groupie zu sein?“

Freundin“, lege ich entnervt nach. „Ex-Freundin? Ist mir eigentlich auch scheißegal, was geht es dich an, mit wem er seine Nächte verbringt?“

Du wirst ihn in Ruhe lassen.“ Sie funkelt mich an.

Was willst du überhaupt? Mich interessiert nicht, was zwischen euch war – oder ist. Ich habe mit ihm geflirtet und nehme mir jetzt, was mir zusteht.“

Hast dich ja auch ganz schön aufgebrezelt.“ Ich will was erwidern, aber da fährt sie mir schon in die Giftattacke. „Dabei hast du es gar nicht nötig“, sagt sie plötzlich.

Was wird das hier?“ herrsche ich sie verblüfft an. „Eine Anmache?“

Mit ihm wollten sich schon andere schmücken.“

Bist du meine Mutter?“, schnaube ich verächtlich. „Du bist offenbar auch nicht hier, um die Brave zu mimen. Das ist echt der falsche Ort für eine Moralpredigt.“

Du bist bei Weitem nicht die erste Frau, die er verschleißt“, sagt sie ungerührt. „Und wenn ich verschleißt sage, meine ich das auch so.“ Sie kontrolliert ihre Augenschatten.


Na und. Ist doch nichts Neues, dass so Typen wie Arch viele Frauen haben.“ Sie will es nur niedrig machen, denke ich, unserer Begegnung den Zauber nehmen. Ein Black Metal-Star, der Frauen nimmt, wie er sich eine Flasche Absinth reinzieht, klar. Es trifft mich wirklich, aber das werde ich ihr nicht zeigen. „Lass mich in Ruhe, klar?“ gifte ich.

Glücklich macht er sie höchstens am Anfang“, legt sie nach.

Ich presse die Hände gegen den Waschbeckenrand, bis meine Schulterblätter gegeneinanderreiben, und lasse den Kopf baumeln.

Du nervst, aber irgendwie habe ich Bock, mich mit dir anzulegen. Komisch, was?“

Du bist nicht die erste, die mir nah sein will. Wer weiß, vielleicht wird es ja was mit uns beiden. Ich meine – damit du dir ihn aus dem Kopf schlägst.“

Ich beäuge sie schräg hinter meinem Oberarm hervor. Ich fühle mich tatsächlich angezogen, und es ist mir nicht mal peinlich, aber ich weiß nicht, warum meine Hormone so verrückt spielen. Ich will zu ihm, und ich kann ihn nicht länger warten lassen.

Hübscher Kerl, mit dem du da bist.“

Willst du ihn haben?“ frage ich. Meine Stimmung bessert sich. „Wir tauschen.“

Das hier ist kein Basar, Mädchen. Nicht mal ein Spiel“

Du willst es wissen, oder?“, mein Nacken verhärtet sich wieder wie meine innere Haltung der Schlampe gegenüber. „Nenn mich noch einmal Mädchen.“

So nenne ich alle, die er jagt.“